Dongguan nahe Shenzhen, Südchina, ein Zentrum der Radioproduktion. Eckhard Koch pflegt Kontakte zur weltweit bekannten Radiofabrik Tecsun, die auch Empfänger unter dem Label Grundig baut. Hier werden von ca. 1000 Mitarbeitern auf 16000 Quadratmetern etwa 5 Millionen Empfänger im Jahr gefertigt. Gerade werden wieder neue Weltempfänger geliefert. So kommt es, dass ich die einmalige Möglichkeit erhalte, eine solche Fabrik von innen zu sehen.
In der Radiofabrik treffen wir einen der Besitzer, Rockie und die Vertriebschefin Nicole. Beide stammen aus Hongkong. Im Eingangsbereich gibt es eine große Vitrine mit Radios, alte und neue von Tecsun und auch ein altes Röhrenradio von Grundig. Es sieht aus wie mein kleines Röhrenradio von AEG, ich hatte es im Fluggepäck als Gastgeschenk mitgebracht, es wurde allerdings beschädigt und wir mussten es vor Ort reparieren. Wir erzählen von dem Röhrenradio und wie wir es repariert haben. Rockie ist beeindruckt, solche Radios kosten hier ein Vermögen (Ein altes deutsches Röhrenradio habe ich gesehen, das wurde für umgerechnet 800 EUR angeboten).

Dann ein Rundgang durch die Fabrik. Ich darf Fotos machen. Alles ist hochinteressant. So viele Arbeitsschritte, bis ein Gerät fertig ist. Wir besuchen eine Produktionsstraße für ein kleines, preiswertes Radio mit Drehkoabstimmung und digitaler Frequenzanzeige. Wie bei solchen Radios üblich sind auf der Hauptplatine von oben konventionelle Bauteile bestückt und von unten ein großes SMD-IC, das alle wesentlichen Stufen enthält. Ich habe mir nie klar gemacht, dass die Platine zwar über einer Lötwelle gelötet ist, das Haupt-IC jedoch nachträglich eingebaut wird und dass das in Handarbeit möglich ist.

Da sitzen die besten Löterinnen der Welt. Das große SMD-IC wird mit zwei Lötstrichen mit reichlich Zinn mit einem sehr großen, heißen Lötkolben angelötet, wobei überflüssiges Zinn gleich abgezogen wird. Ich erfahre es gibt praktische niemals einen Lötfehler an diesem Arbeitsplatz. An anderen Arbeitsplätzen wird der Drehko montiert. In einem Schälchen liegen defekte Drehkos. Rockie sagt, sie hatten zuerst 1% Ausschuss, viel zu viel. Wenn das bei anderen Bauteilen ähnlich ist, kommt am Ende nur Schrott raus. Jetzt ist das Problem fast behoben. An einem weiteren Arbeitsplatz justiert eine Frau alle Spulen. Fast überall Oszilloskope oder Sperktrumanalyzer. Ich bin tief beeindruckt.
Die Arbeit ist wie in einer Bandstraße organisiert, allerdings werden statt eines Bandes Plastikschalen verwendet. Ein Arbeiter nimmt von links eine Platine, bearbeitet sie und legt sie rechts wieder ab. Die Leute arbeiten schnell, routiniert und konzentriert aber ohne sichtbare Hektik oder Zeitdruck.

Am Ende landen die Radios in der Qualitätskontrolle. Jedes Gerät wird ausprobiert, in allen Funktionen getestet und mechanischem Stress unterzogen. Ich bin etwas schockiert, wie hart die Radios auf den Arbeitstisch geknallt werden. Rockie sagt, wenn da irgendwas locker sein sollte, merkt man es auf diese Weise. Sowas wie verirrte Lötzinnkügelchen oder lockere Schrauben dürfen nicht vorkommen.

Youtube-Video: Radiotest
Es gibt eine Abteilung nur für Spulen. Die ZF-Filter werden von Frauen gewickelt. Der Spulenkörper wird in einer Spindel eingespannt. Die Arbeiterin schlingt den Spulendraht dreimal um ein Beinchen und startet dann die Wickelmaschine. Es werden automatisch genau 20 Windungen gewickelt, wobei der Draht mit den Fingern geführt wird, einmal hin und zurück. Dann wieder ein Beinchen umwickelt und der nächste Abschnitt der Spule. Insgesamt werden die üblichen ZF-Spulen mit Mittelanzapfung und einer Koppelwicklung hergestellt.

(Zu diesem Bild haben einige gesagt, da arbeitet ja ein kleines Mädchen! Stimmt aber nicht, die Frau ist so um die zwanzig. Der kindliche Eindruck kommt von ihrem Pferdeschwanz. Was soll sie machen, die langen Haare würden in die Spulenwickelmaschine geraten, wenn sie nicht so gebunden wären.)
Parallel dazu gibt es eine Maschine, die genau das gleiche macht, die gleichen Bewegungen wie die Arbeiterin, aber etwas etwas ruckeliger und langsamer. Die meisten anderen Arbeitsschritte werden aber ausschließlich in Handarbeit mit Maschinenhilfe erledigt. Ich schätze, an jedem ZF-Filter arbeiten insgesamt 10 Leute. Oft sind es sehr kleine Arbeitsschritte. Wenn ich bei Pollin ein Sortiment ZF-Filter gekauft habe, dann dachte ich immer, es gibt irgendwo Maschinen, die so was von ganz allein ausspucken, aber so viel Arbeit an nur einer Spule, das hätte ich mir nicht vorgestellt. Rockie sagt, einfacher baut man einen iPod als ein Radio. Wir schauen auch noch andere Abteilungen an, Lautsprecher ist gerade zu wegen Mittagspause, aber Spritzguss und Lackierung ist in Betrieb.

Die Radios werden hauptsächlich für China gebaut. Ich muss natürlich erst mal ein Radio testen, das das ich mir geliehen habe. Sehr interessant, auf Kurzwelle ist alles unter 10 MHz leer, aber ab 11 MHz bis 15 MHz gibt es viele chinesische Stationen. Das Programm hört sich an wie auf UKW, mit Telefonsendungen, Fragespielen und sowas. Das muss an den großen Entfernungen und den vielen Wanderarbeitern liegen. Wenn alle nordfriesischen Fischer in Portugal arbeiten müssten wäre 15 MHz ideal für den Nordeutschen Rundfunk.
Siehe auch:
Reisebericht in ELEXS: HF-Bauteile aus China
ELO: PLL-Doppelsuper DE1103